Jorge Luis Borges
Bibliotheken waren für mich immer besondere Orte, an denen mein Denken und meine Träume neue Nahrung fanden und von wo aus ich durch die Bücher, die dort den Weg zu mir fanden, neue Welten kennenlernen konnte. Meine Diplomarbeit in Erziehungswissenschaften schrieb ich über einen rezeptionstheoretischen Ansatz zur Sozialisation durch Literatur, wodurch ich die Leerstellentheorie von Wolfgang Iser kennenlernte, einen Ansatz, der mir Einblicke in die Wirklichkeitskonstruktion ermöglichte, die mir erst sehr viel später in ihrer Tragweite bewusst wurden. Heute weiß ich aus Erfahrung, dass Texte uns ermöglichen können, zwischen Bewusstseinsdimensionen hin- und herzuwechseln: So kann es uns bei entsprechender kontemplativer Versenkung in den Text, der gerade vor uns liegt, gelingen, hinter die Worte zu gelangen, an Orte der Erkenntnis oder anderer Erfahrungsbereiche, die unser Leben graduell über die Zeit oder auch radikal verändern können.
Meine spirituelle Tradition ist die (erkenntnistheoretische) Wissenschaft, und meine spirituelle Praxis die der Kontemplation wissenschaftlicher Texte - auch über wissenschaftlichen Texten, Theorien und Formeln kann man kontemplieren, und ich vermute, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf diesem Wege tiefe Einsichten in die Natur dieser Existenz hatten, die sie womöglich nicht immer publik gemacht haben. Einen kurzen Einblick darein, wie einige bedeutsame Wissenschaftler einige ihrer Erkenntnisse auf "paranomaler" Ebene gewannen, beschreibt u.a. Stan Grof in seiner zweibändigen Enzyklopädie "Der Weg des Psychonauten" (S. 507f.).
Meine beiden Veröffentlichungen zum Thema Sexualität im Alter entstanden als "Nebenprodukt" meiner Tätigkeit als Fallsupervisorin in der gerontopsychiatrischen Pflege, da die Teams der Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz nahezu alltäglich mit dem Thema Sexualität in Kontakt kommen - hier tauchte vor allem das Thema der sexuellen Gewalt und das Thema Sexualität und Demenz regelmäßig auf. In der Publikation zu sexueller Bildung von Senior/innen konnte ich dann gemeinsam mit Remigius Wagner ein wesentlich breiteres und positiveres Spektrum von Sexualität im Alter beschreiben - Aspekte, die in der stationären Pflege noch immer nur Randthemen sind.
Folgendes (mit der Zeit noch zu erweiternde) Verzeichnis von Literatur und Weblinks entstand als ein Nebenergebnis der Zusammenarbeit von Remigius Wagner und mir für den Aufsatz über "Sexuelle Entwicklung im Alter und das Potential sexueller Bildung für Senior*innen", es dient der Sammlung weiterführender und vertiefender Quellen zum Thema des Aufsatzes, z.T. mit kurzer Inhaltsangabe bzw. Rezension.
Der Aufsatz entstand ab Anfang 2020 und entwickelte sich damit in die Corona-Krise hinein, die zum Teil sehr große Veränderungen für alte und hochaltrige Menschen mit sich brachte, insbesondere für Menschen, die in stationären Pflegeeinrichtungen lebten. Diese mussten vielfach freiheitseinschränkende Maßnahmen hinnehmen, die sich insbesondere auf die Beschränkungen körperlichen Kontakts zu anderen Menschen bezogen. Sexualität und Intimität außerhalb einer festen Paarbeziehung zu leben war von diesem Moment an für viele Pflegeheimbewohner/innen stark eingeschränkt bis unmöglich. Wie sich dies in den kommenden Jahren entwickeln wird, ob sich die "soziale Distanz" als ein Leitmotiv gesellschaftlichen Miteinanders verfestigen wird und welche Auswirkungen sich dies auf das - in unserem Aufsatz dargelegte - grundlegende Bedürfnis nach Berührung, Intimität und Sexualität auch im hohen Alter haben wird, ist derzeit nicht abzusehen.
Literatur
Die explizite Literatur zur sexuellen Bildung von Senior*innen ist noch eher dünn gesät, es finden sich jedoch zahlreiche Thematisierungen in einigen Büchern, Aufsätzen und im Internet.
Fischer, Notburga (2018): Reifestufen der sexuellen Liebe. Wie Herkunft prägt und intime Beziehungen (dennoch) gelingen. Köln: Innenwelt.
Notburga Fischer ermöglicht mit ihrem Buch interessierten Menschen im Älterwerden eine Selbst-Bildung zu den - von ihr so gefassten - drei Reifestufen ab 54, ab 64 und ab 74 Jahren mit Fragen und
Übungen für eine intensive Reflexion der eigenen Sexualität, des sexuellen Gewordenseins im jetzigen Moment des Lebens, der Herkunft aus der Sexualität der eigenen Eltern wie die über die
Weitergabe des eigenen Wissens über sexuelle Liebe und Sexualität im fortgeschrittenen Alter.
Nelles, Wilfried (2012): Männer, Frauen und die Liebe. Eine kleine Psychologie der Geschlechterbeziehungen.
Wilfried Nelles widmet sich in diesem Buch zuerst Themen wie “Sex und Liebe”, “Der Alltag der Liebe” und “Liebe und Familie”, bevor er abschließend ein Konzept der “Reifestufen der Liebe”
entwickelt, in deren Kontext er auch Bewusstseinsentwicklung im Kontext von Liebe und Sexualität..
Paulsen, Gabriele (2018): Was Pflegekräfte über Sexualität im Alter wissen sollten. Bedürfnisse ─ Grenzen ─ Strategien. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Gabriele Paulsen, Gründerin des Netzwerks nessita.de, gibt hier einen fundierten Einblick in das Thema Sexualität im Alter in der Pflege und zeigt dabei auch Wege zu einer sexuellen Bildung im
Sinne einer Selbstermächtigung alter Menschen hinsichtlich ihrer Sexualität wie zur Unterstützung alter Menschen durch Pflegende wie durch Sexualassistent*innen bei der selbstbestimmten Ausübung
der Sexualität.
Sexualbegleitung/-assistenz
Für viele hochaltrige Menschen und Menschen mit Demenz kann der Weg einer Unterstützung durch Sexualassistenz eine gute Möglichkeit sein, ihre Sexualität weiterhin
leben zu können. Dafür gibt es im Netz bereits zahlreiche Angebote, deren Qualität natürlich nicht einfach überprüfbar ist. Einige Adressen möchte ich nennen:
Für die Bundesländer Niedersachsen und Bremen organisiert die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e.V. seit vielen Jahren den Arbeitskreis Sexualität und (Alten-)Pflege.
Kontakt: info@bettinawichers.de