Nondualität

In der gestrigen Veranstaltung von Demenz & Bewusstsein verwendete ich zu Beginn den Begriff Nondualität, und prompt fragte jemand nach, was damit gemeint sei - und meine Erklärung wurde sicher nicht zu Unrecht von anderen wiederum als unzureichend bezeichnet. 

 

Ich ringe mit diesem Begriff wieder und wieder. Lange konnte ich damit überhaupt nichts anfangen, weil ich so mit dem "Nichts" beschäftigt war, dass ich das "Alles", das ich ja im nicht messbaren Moment eines "Später" ebenfalls hatte erfahren dürfen, überhaupt nicht beachten konnte. Das waren nicht Wochen oder Monate, das waren Jahre, bis ich das Alles überhaupt wieder in Betracht ziehen konnte - ein Grund vielleicht, warum ich so lange im vollkommen Rückzug der Welt lebte. Langsam, ganz allmählich kam ein Gewahrsein dazu, dass das Außen immer nur in dem, was ich als dieses Wesen erfahre, auftaucht - es also keine Trennung mehr gibt. Das hat mich lange genauso heftig geschüttelt, denn mein Außen war verwirrend, beängstigend, desorientierend und ich hatte jahrelang den Eindruck, ich hätte keinerlei Einfluss mehr auf die Welt und könne mein Leben nicht mehr gestalten (heute habe ich mich dem mehr oder weniger gefügt und die Frage des freien Willens interessiert mich nicht mehr). Und das sollte etwas Besonderes, etwas Erstrebenswertes sein? Ich habe den Eindruck, dass die meisten, die derartige Zustände anstreben, keine Ahnung haben, was wirklich mit ihnen passieren wird - sie würden es sich sonst vielleicht nicht so dringlich wünschen. 

 

Inzwischen kann ich sehen, dass sich in diesen ersten Jahren beständig viele verschiedene Ebenen in meiner Selbst- und Weltwahrnehmung vermischten und ich lange davon überfordert war, das bewusst zu sortieren, und mich nicht nur schnell zu orientieren, auf welcher Bewusstseinsebene und von welcher (Multi-)Perspektive ich gerade schaute, sondern ebenso schnell bewusst zu steuern, welche Perspektive(n) ich gerade einnehmen will. Und ich übe nach wie vor und habe nicht das Gefühl, schon den Status einer "advanced practitioner" erreicht zu haben. 

 

Wenn ich aber nun so sitze wie jetzt gerade und durch den schönen hellen Raum zu den Fenstern auf der anderen Seite schaue, in diesem Haus in einer stillen Hafenstraße eines kleines Ortes in Dänemark, dann ist in mir das Gewahrsein, dass dies alles "eins" ist, und zwar nicht "eins in mir" oder "eins mit mir", sondern "eins", ohne einen weiteren Parameter namens "mir", denn dieser ist Teil des "eins". Und zugleich bin ich mir vollends bewusst, dass ich die Erfahrung eines Seins mache/bin, das in eben diesem Raum sitzt und auf die andere Fensterseite schaut. 

 

Jetzt stelle man sich diese Wahrnehmungen bei jemandem geschehend vor, der/die keinerlei Wissen über derartige Erfahrungsdimensionen hat (und die bisher skizzierten sind ja noch schöne, da gibt es ja ganz andere Erfahrungsdimensionen, in die man geraden kann, und das geschah auch mir nicht selten), und der/die nicht weiß, wie er/sie dies einordnen soll. Muss man dabei nicht verrückt werden? Ich wundere mich seit meinem eigenen Prozess und den unzähligen ungewöhnlichen Zuständen, die ich zuerst temporär erlebte und die nun immer mehr zum Normalzustand werden, nicht mehr, dass Menschen über derartige Erfahrungen in Verwirrung geraten. Und ich frage mich - ebenso wie Freunde, mit denen ich über derartige Themen austausche - wieviele Menschen, die in psychiatrischen Einrichtungen leben, nicht eigentlich einen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand erleben bzw. erlebt haben, kurz- oder längerfristig, aus dem heraus sie sich nicht wieder in dieser Welt orientieren können. Und so manch ein Fachmensch würde vermutlich auch aufgrund meiner Beschreibungen hier mir gerne eine psychopathologische Diagnose verpassen (und ich erhielt auch zahlreiche auf meinem Weg, allerdings immer von Nicht-Fachmenschen). 

 

Ich wollte aber eigentlich über Nondualität schreiben, doch das hier ist der Normalzustand meines Verstandes, der gleich alle Nebenpfade auch noch mit abdecken will. Daher muss ich jetzt erst einmal etwas anderes tun und komme hierher zurück... 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ulrike Neuss (Freitag, 22 Mai 2026 18:20)

    Hallo Bettina Wichers,
    bin gestern auf Deine Webseite gestoßen undwar sehr angetan von Deinen Gedanken und Idee und Erfahrungen zum Thema. Ich bin 72 Jahre und erlebe gerade den Geschmack von Non Duality ...nachdem ich die Worte in den vergangenen Jahrzehneten oft gehört aber nie wirklich erfühlt habe. Ich bin seit langem mit em Buddhismus verbunden, bin Gestalttherapeutin und C.G.Jung Fan eit jeh.
    Die Tiefenpsychologie hat zum Thema Erwachen ja auch noch Einiges beitzutragen im Sinne von : Begegnung mit dem Selbst.
    Heute möchte ich Dir einfach die paar Zeilen schreiben ....
    Herzliche Grüße
    Ulrike