Im klassisch-wissenschaftlichen Verständnis von Evolution geht man von einer mehr oder weniger linearen, einer Geschichtsschreibung ähnlichen "Entwicklungstheorie" aus, nach der sich alles materielle Sein im Universum vom Urknall aus entwickelt und durch zunehmende Differenzierung, im biologischen Bereich u.a. durch Mutation und Selektion, als die Vielfalt von Existenzformen entfaltete, die wir in der Jetzt-Zeit in unserem direkten Umfeld, auf diesem Planeten wie im gesamten Kosmos beobachten können. Der Urknall wiederum, so die vorherrschende Theorie, beruht auf dem Prinzip des "creatio ex nihilo", der Schöpfung aus dem Nichts.
Nach meiner Erfahrung des Nichts veränderte sich meine Perspektive auf diese Welt und ich begann nach konkreten Erklärungen für die Frage zu suchen: "Wie kommt die Welt in die Welt?" Orientierung in meiner eigenen anfänglichen Verwirrung über meine Erfahrung bot mir das Verständnis von Involution und Evolution, der Annahme in verschiedenen mystischen und philosophischen Traditionen, dass dem Entfaltungsprozess dieser Existenz (der Evolution), ein Einfaltungsprozess (die Involution), vorausgegangen sein muss. Ich gehe inzwischen davon aus, dass das Prinzip der Involution nicht nur geisteswissenschaftlich, sondern unter anderem auch mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Quantenforschung zu beschreiben ist; die Ausarbeitung dieser These erweist sich naturgemäß jedoch als etwas komplexer und erfordert wohl noch ein wenig Zeit.
In meinem Forschungsprozess der letzten Jahre entstand mit der Zeit ein immer differenzierteres Modell des Involution-Evolutions-Zyklus des Bewusstseins, das ich im Folgenden in groben Zügen skizziere - ich danke den zwanzig Freunden, die sich im Oktober 2023 auf den Weg in den Norden Deutschlands machten, um mir einen ganzen Tag lang zuzuhören, wie ich diese Gedanken das erste Mal entfaltet habe. Die folgende Grafik gibt zusammengefasst ungefähr einen dreistündigen Vortrag wieder.
Auch in der fortlaufenden Veranstaltungsreihe Demenz & Bewusstsein verwende ich mein Modell zu Involution & Evolution, hier eine verkürzte Variante (Stand Mai 2026):
Folgend Ausschnitte aus meiner bisherigen Gesamtkonzeption zu Involution und Evolution des Bewusstseins.
Diese Frage beschäftigt mich letztlich schon mein Leben lang: Wie kommt die Welt in die Welt?
Warum ist diese Welt? Warum bin ich? Und warum ist mein Leben so wie es ist? Meine Kindheit war oftmals nicht besonders schön, und diese Warum-Fragen trieben mich aus der Verzweiflung heraus in
mentale Räume, die ablenkten und irgendwie auch tröstlich waren. Sie waren letztlich ein Motor meines Überlebens, gerade auch wenn die Gewalterfahrungen, die ich als Kind erlebte, wieder einmal
überwältigend und unfassbar waren. Warum? Warum geschah mir das, warum war ich überhaupt, wenn ich doch ein so schlechter Mensch zu sein schien, aber nicht wusste, wie ich hätte besser sein
können, damit all diese Bestrafungen, die letztlich auf mein Sein hin abzielten, aufhörten?
Auch mein Erwachsenenleben zeigt sich immer wieder so herausfordernd, so dass ich wiederholt an die Grenzen dessen kam, was sich ertragbar anfühlte. Und auch hier war es das beständige Forschen
nach dem Grund dieser Existenz, das mich immer weitermachen ließ - und nicht zuletzt war es dieser Forschungsprozess zu Involution und Evolution wie auch der zu Demenz-Transzendenz, die mich diese letzten unfassbaren Jahre, diese manchmal nicht enden zu scheinende Dunkle Nacht bewältigen ließen. Und auch diese Ausarbeitung
fügt sich in dieses Muster des unermüdlichen Forschens nahtlos ein.
2018 begann ich mit einer neuen Perspektive auf diese Welt auf diese Existenz zu schauen, für die ich 2019 das Wort "Involution" entdeckte - ich schaute plötzlich, nach einer Erfahrung des Nichts, für eine Weile mehr oder weniger dauerhaft "von oben" auf diese Welt - zuerst wie aus einer Vogelperspektive, wo ich mein
Bewusstsein als wie aus der Flughöhe eines Vogels auf die Welt hinunterschauend erlebte, und später immer weiter hinauszoomend, bis ich eines Tages unintendiert und ohne Substanzinduzierung die
Erfahrung machte, in denen ich mein Bewusstsein so weit nach draußen in die Galaxie hinausdriftend erlebte, dass mir klar wurde, dass ein menschliches Bewusstsein auf derartige Weise auch
verloren gehen kann. Ich beendete damals meine Bewusstseinsreise aktiv, hinderte mein Bewusstsein bewusst am weiteren Hinauszoomen und lenkte es "zurück zum Planeten" und damit in meine
Alltagsrealität zurück. Der Gedanke: „Besser nicht weiter hinaus, ich könnte den Rückweg nicht mehr finden“, als mein Bewusstsein immer weiter und weiter hinaus in die Galaxie reiste, ist mir
eine Mahnung geblieben, und ich habe diese Erfahrungen von da an bewusst abgebrochen, wenn sie sich unintendiert wieder einzustellen versuchten. Hinzuzufügen ist noch, dass ich vor und nach
derartigen Erfahrungen immer klar und orientiert war - es handelte sich um spontane Zustandserfahrungen.
[...]
Folgend stelle ich nun das einfachste Modell von Involution und Evolution vor, mit dem ich zu spielen begann, und das nicht durch mein eigenes Denken allein entstand, sondern u.a. inspiriert wurde von einem Satz von Terri O’Fallon (während eines Metaware-Gatherings im November 2019 in Berlin): "Oh, you are thinking involutionary!" Dieser Satz war es, der mich auf die vertiefte Suche nach Ansätzen von Involution und Evolution schickte, einem Konzept, von dem ich mehrfach gelesen hatte, das ich aber bis dahin nicht für mich hatte adaptieren können. Seitdem hat es mich nicht wieder losgelassen - ich studierte u.a. die Ansätze von Ken Wilber und Sri Aurobindo und fand dort die Kreisform meines eigenen Denkens gespiegelt, die Bewegung, die sich in meinem Bewusstsein abzuspielen schien, wenn ich versuchte, eben die Frage zu beantworten, wie die Welt in die Welt kommt: Es ist ein ewiger Kreislauf der Erfahrung, ein immerwährender Kreislauf der Schöpfung, ein immerwährender Moment, den wir als Menschen in Zeit und Raum erfahren, was die Illusion einer fortlaufenden Geschichte entstehen lässt. Und das eben ist das göttliche Spiel, das wir selbst mitspielen - als Spielfiguren des Göttlichen einerseits, und als der Spieler, als Teil des Göttlichen andererseits. Darin zu leben, in diesem dauerhaften Gewahrsein, bedeutet möglicherweise, Nondualität verkörpert zu haben.
Die in der ersten Grafik bereits skizzierte ab- und aufsteigende Bewegung des Bewusstseins erweitert sich nun durch die Begriffe von Involution und Evolution, wie sie u.a. von Sri Aurobindo und
Ken Wilber verwendet werden - und nachdem ich selbst so lange kontemplierte, diese Bewegung des Absoluten zu innerlich zu betrachten und zu verstehen, scheint es mir wichtig zu sein, diesen
Begriff und seine Implikationen in unserer westlichen Kultur bekannter zu machen: Er kann eine Orientierung in der Welt, wenn wir die Orientierung in der Welt verloren zu haben scheinen, weil das
Gefüge unserer Existenz dadurch vollständig wird.
„Nach der ewigen Philosophie – dem gemeinsamen Kern der großen Weisheitstraditionen der Welt – manifestiert der GEIST [spirit] ein Universum, indem er sich selbst "hinauswirft" oder "sich
entleert", um Seele zu erschaffen, welche sich zu Geist [mind] kondensiert, welcher sich zu biologischem Körper kondensiert, welcher sich zu Materie kondensiert, der größten Dichte von Form
überhaupt. Jede dieser Ebenen ist immer noch eine Ebene des GEISTES, aber jede ist eine reduzierte oder "herabgestiegene" Version des GEISTES. Am Ende dieses Prozesses der Involution sind alle
höheren Dimensionen als Potential eingefaltet, im niedrigsten materiellen Bereich.“
(Wilber, K. (1999). The Collected Works of Ken Wilber, Volume 2: The Atman Project / Up from Eden. Shambhala Publications., Übersetzung ins Deutsche von Michael Habecker, mit Dank an ihn für seine jahrzehntelange Übersetzungsarbeit! https://michaelhabecker.de/wp-content/uploads/2025/11/Involution-und-Evolution.pdf)
Involution heißt hier im Kontext meiner Betrachtungen: Involution menschlicher Existenz - wir können auch viele andere Aspekte involutionär betrachten (allerdings unter der Prämisse, dass es uns gelingt, eine vollständig-non-anthropozentrische Perspektive einzunehmen), ihnen aber gilt mein Interesse vorläufig nicht. Involution menschlicher Existenz heißt das Absteigen des göttlichen Impulses für eine bestimmte und einzigartige Erfahrung hinein in die Materie, und bedeutet damit: Menschwerdung, die Erfahrung des Menschseins als materielle, physische Existenz vom Moment - ja, von welchem Moment an, dem der Zeugung oder dem der Geburt? Das wird später diskutiert werden, für jetzt nehmen wir nur die Annahme mit, dass irgendwann in diesem physischen Werdensprozess die physische Erfahrung von Menschsein beginnt, vorbewusst erst, und dennoch als eindeutig Existenz - existere: erscheinen, hervorkommen, vorhanden sein. Im Moment der Zeugung wird aus der göttlichen Idee die Erfahrung einer physischen Realität - die auf ihrem weiteren Weg die Erfahrung macht, die als Evolution beschrieben werden kann: Die Entfaltung des vorher eingefalteten göttlichen Potentials.
[...]
03. Mai 2026 - Gottwerdung
Der Begriff der "Gottwerdung" als Synonym für den evolutionären Bewusstseinsentwicklungsprozess ist möglicherweise etwas herausfordernd; in meinem eigenen Reflexionsprozess habe ich es lange kontempliert, bevor ich es in die Modellbildung aufgenommen habe.
Der evolutionäre Entwicklungsweg, die aufsteigende Entwicklung, beschreibt die Bewegung, in der das menschliche (Bewusst-)Sein zunehmend gewahr wird, dass es nicht das materiell fest gefügte körperliche Wesen ist, wie es ihm seine Sozialisation und Kultur im vorhergehenden Prozess vermittelt haben, sondern sein eigenes Sein zunehmend luzide, weniger fest gefügt, vielleicht als Partikel, vielleicht als Energie, zunehmend aber als Emergenz des Moments aus scheinbar festgefügten Mustern, Glaubenssätzen und bisher unveränderlicher Merkmale, die die Selbstwahrnehmung als Körper konstituierten.
In der Monographie über Thomas Keating gibt Cynthia Bourgeault einen anschaulichen Eindruck, wie dieser zeitgenössische christliche Mystiker die Gottwerdung auf dem Weg ins Nonduale erlebte und lehrte:
"Thomas macht dies im Buch "God Is All in All" deutlich in seiner Darlegung seiner behutsamen Annäherung. Hier schreibt er von drei Schritten auf dem Weg zum Einheitsbewusstsein: "Es gibt ein Anderes; wir werden zu diesem Anderen; es gibt kein Anderes." Der erste dieser Schritte deckt den traditionellen kataphatischen Rahmen der christlichen spirituellen Ausbildung bis und mit der erleuchtenden Stufe ab. Hier existiert immer noch ein deutliches Gefühl für Gott als das Andere, das "unser" Leben gestaltet und führt. Der zweite Schritt umfasst das Abstreifen der egoisch erzeugten Selbstheit in der dunklen Nacht des Geistes und das erste Auftauchen aus der vereinigenden Stufe. Der dritte Schritt, "Es gibt kein Anderes", führt uns, sehr ähnlich wie es Bernadette Roberts präsentiert, direkt auf das Gebiet des Nicht-Selbsts: in den allmählichen Zusammenbruch des selbstreflexiven Mechanismus des Bewusstseins, auf dem diese beiden Pole, Gott und Selbst (das Andere und ich) basieren. Wie Roberts präzise herauskristallisiert, werden, wenn dies geschieht, sowohl ich als auch Gott "untergehen", weil, sobald es kein selbstreflexives Bewusstsein mehr gibt, beide Pole in gleicher Weise irrelevant werden."
Bourgeault, C. (2025). Thomas Keating: Das Werden eines modernen christlichen Mystikers. Chalice Verlag.