Aufwachen als Aufgabe des Alters

Nachdem ich mich in den letzten Wochen immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt hatte, ob ich meine für viele provokative und oftmals auch nicht so schnell nachvollziehbare Hypothese, dass das spirituelle Erwachen das evolutionäre Potential des Alterns sei, so prominent weiter auf meiner Hauptseite stehen lassen will, habe ich nun dieselbe überarbeitet. 

 

Ich habe mich entschieden, wieder meine ursprüngliche Hypothese als zentrale Eingangsthese zu wählen: Die bewusste Ich-Auflösung ist das evolutionäre Potential des Alterns. Auch dies ist keine unbedingt selbsterklärende Hypothese, aber das müssen Hypothesen ja auch nicht sein. Sie ist aber alltagstauglicher und anwendungsfreundlicher - und letztlich will ich mit meiner Website ja Menschen einladen und nicht abschrecken... Die Hypothese des Potentials des Erwachens bleibt; sie ist nur etwas nach unten gerückt. Bei der Gelegenheit eine Klärung, die immer wieder erbeten wird: mit spirituellem Erwachen meine ich, kurz gefasst, ein immer weiter fortschreitendes Aufwachen aus der Konstruktion der personalen Identität hin zu einer transpersonalen Identität, weiter zum Einheitsbewusstsein - und möglicherweise gar in die Apersonalität jenseits dessen. Wer dabei auf welchen Wegen wie weit gelangen kann, das erforsche ich mit interessierten Menschen im Feld des Bewussten Alterns, ohne anzunehmen, dass diese Fragen verlässlich und dauerhaft zu beantworten sind. 

 

Warum stellt ein Mensch aber überhaupt derartige Hypothesen auf? Das ist einfach: Weil es nach wie vor keine transdisziplinäre Erklärung dafür gibt, warum wir Menschen so alt (maximale Lebenserwartung derzeit 122 Jahre und 164 Tage) und möglicherweise noch älter werden können. Mit transdisziplinär verweise ich dabei darauf, dass eine derartige Hypothese die Erkenntnisse von verschiedenen Wissenschaften und Erkenntnistraditionen zusammenbringen und dabei die Bindung an die Prinzipien einer oder weniger einzelner Wissenschaften transzendieren und auf einer neuen Ebene integrieren muss. Bisher bleibt die Alternsforschung höchstens im Bereich interdisziplinärer Forschung (soweit ich ausreichend umfassend informiert bin). 

Maximale Lebensspanne des Menschen und kulturell konstruierte Altersphasen
Maximale Lebensspanne des Menschen und kulturell konstruierte Altersphasen

Ich erforsche mit meiner Arbeit das evolutionäre Potentials des Alterns - ich versuche also, eine Hypothese dafür zu entwickeln, was der evolutionäre Zweck einer so lange Alternsphase sein mag (gemessen am weiblichen Altern, das nach herkömmlichem Verständnis des menschlichen Seins mit der (Post-)Menopause beginnt): Was hat das Große Ganze davon, dass eine immer größere Anzahl von Menschen, die nur noch indirekt zur Reproduktion der Spezies beitragen können (siehe Großmutterhypothese), so lange lebt, dass sie viele Jahre davon in zunehmender körperlicher Schwäche und zunehmend abhängig von der Versorgung durch andere lebt? Was ist der "Nutzen" dieser Entwicklung für die Menschheit und die gesamte Existenz an sich?

 

(Zum Vergleich: Um 1900 hatten 40jährige Männer/ Frauen noch eine Lebenserwartung von etwa 26/29 Jahren, heute noch etwa von 39/ 44 Jahren. Es gibt Fachmeinungen, die sagen, dies läge vor allem an der höheren Überlebenswahrscheinlichkeit in Kindheit und Jugend, und dass die seit 1980 geborenen Jahrgänge keinen weiteren Anstieg des Lebensalters erwarten sollten. Warten wir ab, wie sich diese Prognose so wie die vielen anderen in diesem Kontext bewahrheiten oder falsifizieren wird...). 

 

Ich glaube, wir können diese Erklärung nur auf einem transdisziplinären Weg gewinnen, in dem wir zu den multiplen Perspektiven der bisher involvierten Wissenschaften wie Gerontologie, Medizin, Epidemiologie, Geschichtswissenschaften, Psychologie... unter anderem auch eine kosmologische und eine interspirituelle Perspektive mit einbeziehen. Daran arbeite ich seit vielen Jahren, indem ich Erkenntnisse und Erfahrungen aus sehr unterschiedlichen Wissenschafts- und Erkenntnistraditionen zusammenbringe. Es ist ein n-dimensionales Puzzle mit bisher unbekannter Teilezahl.

 

Puzzlen war Teil meiner frühen Bewusstseinspraxis, lange bevor ich wusste, dass Puzzlen eine kontemplative Praxis ist, bevor ich wusste, dass weltlich-kontemplative Praktiken ähnlich transformative Wirkung auf das Bewusstsein haben (können) wie die traditionellen spirituellen, meditativ-kontemplativen Praktiken - und insbesondere lange bevor ich mich bewusst für Bewusstseinsforschung und Kontemplation interessierte. Ich verbinde diesen Text nebenbei auch mit der Empfehlung für all diejenigen, die eine nicht-spirituelle Kontemplationspraxis suchen, es mal für eine Weile mit dem Puzzlen zu versuchen. 

 

Um die Hypothese, dass das spirituelle Erwachen das evolutionäre Potential des Alterns ist, vollständig nachvollziehen zu können, braucht es sicher eine intensive Auseinandersetzung mit vielen der vorgenannten Felder, eine sehr intensive innere Bewusstseinspraxis - oder das Paper oder Buch, in dem ich die Hypothese begründe. Dies steht nach wie vor noch aus. Ich kann es mündlich bereits gut erklären, zum Schreiben fehlt mir bisher die innere Ruhe und die äußere Sicherheit. Wer sich in der Lage sieht, mir eine größere finanziellen Beitrag und/oder einen ruhigen Retreat-Ort zur Verfügung zu stellen, damit ich mich für eine Weile ganz dieser Publikation widmen kann, der melde sich gerne: [email protected]  - ohne Unterstützung ist mir das derzeit nicht möglich. 

 

Ich lade daher für jetzt nur dazu ein, die beiden Grafiken, die ich auf dieser Seite teile, zu kontemplieren: Zum einen die Übersicht über die - kulturell kontruierten - Altersphasen der menschlichen Existenz vor dem Zeitstrahl der aktuellen maximalen Lebenserwartung des Menschen (oben) und zum anderen meine vereinfachte grafische Zusammenfassung des Potentials der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, inspiriert von der Arbeit von Sri Aurobindo in Verbindung mit dem Modell von Roman Angerer, das ich mit dem Prozess und dem Potential des Alterns in Verbindung bringe (und nebenbei auch mit der Entstehung von Demenz, worauf ich hier aber nicht weiter eingehen kann). Dies ist ein Modell des Augenblicks und es wächst, während ich hier schreibe, im Hintergrund meines Denkens weiter, insbesondere, weil die aktuelle Grafik noch nicht die Entwicklungsbewegungen von Involution und Evolution differenziert. 

 

Meine innere Gewissheit, dass das spirituelle Erwachen - oder eben das Aufwachen aus den präpersonalen/ prärationalen und personalen/ rationalen Konstrukten unsere Existenz - nicht nur das evolutionäre Potential, sondern die "Aufgabe" des Alterns ist, wächst mit jeder neuen Quelle, die ich lese oder höre, weiter an - aktuell ist es u.a. die Biografie von Thomas Keating, dem zeitgenössischen christlichen Mystiker (Bourgeault 2024), das Hören einiger Podcasts u.a. über Evelyn Underhill, ebenfalls eine zeitgenössische (wenn auch schon in den 1940ern verstorbene) christliche Mystikerin, und "The Future is Open. Good Karma, Bad Karma and Beyond Karma" von Chöpram Trungpa (2018), im Zusammenspiel mit meiner andauernden Beschäftigung mit den Gene Keys, meiner Vorbereitung auf die Konferenzpräsentationen in diesem Sommer, und der aktuellen astrologischen Zeitqualität mit Uranus, der gerade in die Zwillinge gegangen ist. 

 

Wer am Erwachen als Aufgabe des Alterns vertiefter interessiert ist, ist herzlich eingeladen, an der monatlichen Veranstaltung zu Demenz & Bewusstsein teilzunehmen, in der ich immer wieder neue Einsichten und Modelle vorstelle und wir diese theoretisch, aber auch ganz praktisch an unserer eigenen Bewusstseinsentwicklung und derer von Menschen (mit und ohne Demenz), die wir begleiten, diskutieren. Demenz und Erwachen - das ist kein Widerspruch, sondern das Paradox, aus dem meine Erkenntnisse gewachsen sind. 

 

Demenz & Bewusstsein - nächster Termin am 13. Mai 2026, 19 Uhr. 

Für mehr Informationen und Zoom-Link bitte Mail an [email protected].  

Quellen

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