In meinen fast 30 Jahren beruflicher Tätigkeit im Feld der Demenz gab es ein Thema, das in immer wieder neuen Nuancen in der Fachwelt auftauchte: Der Bedeutung des Satzes "Ich will nach Hause", den professionelle Begleiter/innen wieder und wieder von Menschen insbesondere in dem sogenannten "mittleren" Stadium der Demenz hören.
Einschub: Nach meinem Kenntnisstand handelt es sich bei dem, was wir Demenz nennen, um die Folge des Phänomens der Ich-Auflösung und die zunehmende Überforderung, die damit verbundenen Symptome zu halten und in eine Wachstumsrichtung zu lenken. Der Begriff der Demenz ist meines Erachtens irreführend, und dennoch verwende ich ihn vorerst weiter, um meine Texte anschlussfähig zu halten. Mehr dazu u.a. hier.
Das mittlere - oder auch moderate - Stadium der Demenz ist die Phase, in der ein Mensch die Orientierung in der Welt, die die meisten Menschen als "unsere Realität" bezeichnen, zunehmend verliert, sich demzufolge auch nicht mehr im Außen alleine bewegen und versorgen kann, und auch sich selbst als eine zunehmend jüngere Version von sich selbst erlebt. "Ich will nach Hause" ist eine Äußerung, die gerade in dieser Zeit von vielen Menschen mit Demenz geäußert wird, wenn sie nicht wissen, wo sie gerade sind. In diesem Kontext gibt es auch immer wieder Ereignisse, wo der Mensch die aktuelle Wohnsituation verlassen möchte oder es auch aktiv umsetzen kann. Die Fachwelt ist dann oft ratlos, wie damit umzugehen ist.
Dieses Phänomen wurde zuerst "Weglauftendenz" genannt, dann wurde es zu "Hinlauftendenz" (weil einige Studien feststellten, dass es den Menschen nicht um ein "weg von hier" sondern eben "hin zu etwas" ging), und schließlich kam die Erkenntnis auf, dass es weder das eine noch das andere war, sondern dass die Menschen schlichtweg versuchten, dem inneren Impuls nach "Ich will nach Hause" zu folgen - interessanterweise selbst dann, wenn sie nach wie vor in dem Haus lebten, in dem sie ihr Leben lang zuhause waren. "Ich will nach Hause" weist also auf etwas anderes hin - auf eine subtile Energie, ein Gefühl, ein Gedanke, eine Erinnerung, die in diesem Menschen aktiviert ist und nach Befriedigug und Beruhigung sucht, und nicht um eine materielle Vorstellung von Zuhause, die durch angepasste "Milieugestaltung" irgendwie befriedigt werden könnte.
Und das ist der Paradigmenwechsel, der in der Demenzbegleitung und im Demenzverständnis zunehmend auftaucht: es wird zunehmend commons sense, dass es sich bei Demenz zumindest auch um ein subtiles Geschehen handelt. Evolutionär betrachtet wird das Verständnis von Demenz von dem einer materiellen Krankheit des Gehirns (Bewusstsein der Materie) oder der einer Dysfunktion der synaptischen Abläufe im Gehirn (Bewusstsein des Vitalkörpers, des Lebens) immer mehr zu einem Phänomen des Bewusstseins des Geistes transformiert.
Eine meiner Hypothesen ist, dass es sich bei Demenz um einen Kollaps des Geistes/ Verstandes im Angesicht der immer weiter anwachsenden Komplexität der Welt handelt - und um die mangelnden Kapazitäten oder die fehlenden Fähigkeiten, die notwendige innere Arbeit zu leisten, um diese Situation bewältigen zu können. Dann wird es aber komplexer, daher zurück zum heutigen Thema:
Meine Forschung der letzten Jahre, ob nun freiwillig oder unfreiwillig, lag unter anderem darin, die Zustandserfahrungen, die mit einer Demenz verbunden sind, nach und nach an mir selbst zu erfahren und damit erforschen zu können. Und es scheint nicht aufzuhören: Im Augenblick bin ich intensiv in der Erfahrung und der Erforschung des Zustandes, der der Äußerung "Ich will nach Hause" zugrundeliegen könnte, und das Leben hat mir dafür wieder mal einen Kontext zur Verfügung gestellt, der diese Forschung ermöglicht. Diese Rahmenbedingungen habe ich schon länger, aber es gab bisher andere Zustandserfahrungen zu erforschen, so dass diese immer im Hintergrund bleiben konnte. Jetzt schiebt sie sich gerade ziemlich penetrant in den Vordergrund, so dass ich ihr nicht mehr ausweichen kann.
Ich lebe seit fünf Jahren überwiegend ohne festes, eigenes Zuhause - 14 Monate davon habe ich ein Haus gehütet, sechs Monate lang hatte ich eine eigene Wohnung, fünf Monate wohnte ich in einer WG - den Rest der Zeit lebe ich als "digitale Nomadin" (ein wundervoller Begriff, der alle Rahmenbedingungen verschleiern kann) an wechselnden Orten, mal kurz, mal lang, und jetzt seit einem dreiviertel Jahr in meinem Campervan, in dem ich lebe, forsche und arbeite.
Mich begleitet als Folge der Auflösungsprozesse, die ich erfahren habe (siehe Nichts), ein Nicht-Wissen darüber, wo mein Zuhause ist - mein Sein findet derzeit keinen Ort, wo es sich dauerhaft zugehörig fühlt. Nun mag sich Nicht-Wissen als spirituelles Framing großartig anhören - in einem Kontext, wo sich alle bisherigen Selbst- und Weltbezüge aufgelöst haben und bisher keine stabilen neu aufgetaucht sind, kann das auf die Dauer aber ziemlich unangenehm sein: Ich lebe weitgehend ohne (physisches) soziales Netz und ohne soziale Absicherung, ohne Nachbarschaft, Freunde und Familie, auf die ich mich im Notfall auf der rein physischen Ebene verlassen kann. Sicher, es gibt einige Freunde, wo ich immer wieder sein konnte (siehe Danke), aber es ist auch deutlich, dass diese Zeit vorbei ist und ich wie nach einer Pubertät lernen muss, auf eigenen Beinen zu stehen. (Das mit der Pubrtät ist einen eigenen Artikel wert...).
In den vielen stillen Momenten meines Lebens, und insbesondere in Krisen - oder schlichtweg, wenn mein durch viele Traumata meines frühen und auch späteren Lebens beeinflusstes Nervensystem sich alleine erst einmal nicht regulieren kann (was nicht selten vorkommt) - taucht wieder und wieder der Gedanke auf: "Ich will nach Hause." oder "Dann muss ich jetzt hier aufbrechen und nach Hause." Der Verstand antwortet dann gerne, nicht ohne eine Portion Sarkasmus, "tja, das gibt es nicht." Und in diesen Momenten scheint es schlichtweg unaushaltbar zu sein, die Heimatlosigkeit, die fehlende Zugehörigkeit, die physische Unsicherheit, der andauernde Survivalmode.
Lange bin ich dem tieferen Eintauchen in diesen Zustand ausgewichen und habe mich durch mein Leben gerettet, indem ich eben versuchte, bei anderen Menschen anzudocken, wenigstens etwas Zugehörigkeit zu erfahren. Jetzt erst scheine ich stabil genug, die tiefere Dimension der Heimatlosigkeit zu erforschen. Nicht, dass mir das Spaß machen würde - in mir ist gerade der beständig wiederkehrende Impuls, "nach Hause" fahren zu wollen (was so ungefähr Schleswig-Holstein ist, ohne dass ich da bisher jemals wirklich heimisch geworden wäre), und mein Verstand produziert ohne Pause Begründungen, warum die Entscheidung, derzeit in England zu sein und nicht in [...füge einen beliebigen anderen Ort ein...], wo es doch bestimmt viel besser wäre.
Was ist die Phänomenologie des Nicht-Zuhause-Seins, der Heimatlosigkeit, der Entwurzelung? Millionen, ja Milliarden Menschen werden dieses Gefühl als Folge einer ganz realen Folge von Krieg, Flucht, Obdachlosigkeit, Katastrophen kennen - und Millionen Menschen weltweit erfahren dieses in der Demenz, ohne noch die kognitiven Kapazitäten zur Reflexion zu haben, wie sie mir zur Verfügung stehen. Und zugleich ist es eine Zustandserfahrung, die Menschheit seit frühesten Zeiten in sich trägt und immer weiter vermittelt: Nomadentum, der Nahrung, den Tieren (und heute dem Geld) hinterherzuziehen, oder dem Winter, dem Wetter, dem Krieg ausweichen zu müssen, immer wieder oder dauerhaft ohne festes Zuhause zu sein. Wenn wir also dieses Demenz-Symptom der inneren Heimatlosigkeit betrachten, sollten wir dies vor dem Hintergrund des kollektiven Gefühls von Heimatlosigkeit tun, das unter bestimmten Bedingungen einem jeden Menschen zugänglich sein wird - und auf das wir für das Alter, dass einen jeden in Situationen der Heimatlosigkeit bringen kann (und sei es nur ein langer Klinikaufenthalt) vorbereitet sein können, damit wir eben genau das tun können: Bewusst bleiben über das, was sich da innerlich abspielt, und das bisher Unbewusste ins Licht des Bewusstsein holen.
Wie fühlt es sich zutiefst innerlich an, "nach Hause" zu wollen und sich dort, wo wir gerade sind, eben nicht zuhause zu fühlen? Was liegt dem auf tiefster Bewusstseinsebene zugrunde? Ich suche nicht mehr nur noch auf der Ebene des Bewusstseins des Geistes (siehe obige Grafik), sondern sehe dies als eine zutiefst "spirituelle" (spirit = höhere geistige, kausale Ebene) Suche an: Das Bewusstseins des Bewusstseins sucht nach der Zugehörigkeit (der Rückkehr) zum Großen Ganzen. Eine neue Lern- und eine neue Forschungsaufgabe für mich, zu der ich andere auch einlade:
Wie fühlt sich Heimatlosigkeit von innen an? Und wie können wir die geistige, die kognitive Suche transzendieren zu einer Bewusstwerdung der Zugehörigkeit zum Großen Ganzen? Letztlich ist das eine Frage, die viele Religionen beantworten wollen ... doch braucht es meines Erachtens eine transpersonale Perspektive dafür, die die meisten Religionen oder zumindest ihre Vertreter bisher nicht zu kennen scheinen. Und um das zu kennen, braucht es wiederum die Phänomenologie, das introspektive Wissen darüber, wie es ist, heimatlos zu sein.
Ich bin mir sicher, dass mein Weg hier wie in all den herausfordernden Situationen davor ein stellvertretender Weg ist; dass mein Suchen Teil meiner Lebensaufgabe und meiner Berufung sind, Demenz und die Desorientierung im Alter auf einer weit tieferen Ebene als der des Verstandes zu verstehen. (Mir helfen übrigens die Gene Keys sehr dabei, stabil zu bleiben in diesem Forschungsprozess, neben Gesprächen mit einigen wenigen Freunden, die wagemutig sind, mit in diese Tiefen zu gehen.)
- Wer derartige Fragen auch kennt und Begleitung wünscht, die eigene Situation mehr als Prozess der Desorientierung im eigenen Selbst und in der Welt denn als pathologischen, nicht revidierbaren Krankheitsprozess zu verstehen...
- wer am Beginn einer Demenzdiagnostik steht und sich nicht alleine auf die biomedizinische Betrachtung verlassen will...
- wer im spirituellen Prozess, z.B. nach außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen, sich selbst immer wieder heimatlos fühlt, physisch oder subtil...
... melde sich gerne: ich arbeite aus meinem Nomadentum heraus und begleite andere Menschen vor dem Hintergrund all meiner fachlichen, aber auch eben dieser persönlich erfahrenen und errungenen Qualifikationen - als Gerontologin, als phänomenologische Bewusstseinsforscherin, als Coach - und als bewusst alternder Mensch.
Kontakt: [email protected]
Mehr Informationen: Persönliche Begleitung


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